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Iron Maiden – Oberhausen Open Air, 6.7.2013

Iron Maiden

Holger ist nach dem Konzert ein wenig melancholisch. Der Mittvierziger hat gerade das History-Konzert seiner alten Helden gesehen und festgestellt, dass die Zeit unheimlich schnell vergangen ist.“Das war womöglich das letzte Mal, dass ich Maiden gesehen habe. Von Anfang an war die Band immer da und hat mich begleitet, und nun muss man sich so langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass bald Schluss ist. Das kann einen nicht kalt lassen“. Mit Holger feierten etwa 26.000 Menschen, edie britische Legende beim Open Air in Oberhausen, das Publikum ein buntgemischter Haufen aus Altersweisen und bereits vollkommen textsicheren Teenagern, ein bisschen Vatertagsausflug-Flair macht sich besonders wegen der Vater-Sohn-Grüppchen breit, die sich ebenfalls auf dem Gelände tummeln. Dazu noch ein paar Bierselige, die nicht wissen, wie man sich benimmt, und fertig ist das Event-Publikum. Der Heavy Metal wird aus dieser Sicht heute nicht immer souverän repräsentiert, wovon sich die immer noch sehr vielen echten Fans aber natürlich auch nichts kaputt machen lassen.
Diese erleben eine beinahe makellos dargebotene Maiden England-Show, Steve Harris und Co hauen der Masse 100 Minuten lang nur Hits um die Ohren, und fast alle stammen aus der goldenen Ära MAIDENs, aus den 80ern. Lediglich “Afraid To Shoot Strangers“ und das unvermeidliche, allerdings nur noch bei Mainstream-Anhängern halbwegs erträgliche “Fear Of The Dark“ schaffen als zeitliche Ausreißer den Weg in die Setlist, und auch diese beiden Songs sind älter als zwanzig Jahre. So ist das Konzert in der prallen und nur langsam gnädiger werdenden Sommerhitze genau das, was die Fans haben wollen: Keine kompletten neuen Alben am Stück, keine mit ein paar Hits aufgelockerte Setlist aus dem aktuellen Jahrhundert, sondern die volle Breitseite Klassiker. Passend zum Albummotto besteht ein großer Teil der Setlist aus den Songs zum letzten großen Maiden-Klassiker “Seventh Son Of A Seventh Son“ von 1988, bei jedem davon gibt es nicht nur eine etwas angegraute, aber gut aufgelegte Band und einen immer noch agilen und sehr treffsicheren Bruce Dickinson zu erleben, sondern auch die showtechnische Maximalleistung mit viel Feuer, Pyros und Kawumm. Ganz so als wüsste die Band selbst, dass sie viele Gelegenheiten zu einem solchen Karrierehighlight womöglich nicht mehr haben wird. Das kultig verehrte Maskottchen Eddie gibt es diesmal in drei Ausführungen: Bei “Run To The Hills“ als über die Bühne stapfendes Ungeheuer, bei “Seventh Son Of A Seventh Son“ wie schon 1988 als überdimensionaler, unheilsvoller Wahrsager, und am Ende nochmal bei “Iron Maiden“ mit dem “Seventh Son“-Gespenst auf dem Arm.
“Moonchild“ als Opener erweckt gleich zu Beginn das Gefühl, dass man bei den Albentouren in den letzten Jahren womöglich ein wenig vermisst hat: Dass hier die Band auf der Bühne steht, die exakt die Songs geschrieben und veröffentlicht hat, die einem jahrelang als treuer Begleiter zur Seite standen. Bei aller vorhandenen Klasse der aktuellen Veröffentlichungen: Kein einziger der neuen Songs kann die Emotionen transportieren und die massenübergreifende Wirkung entfalten, wie die Hits dieser Ära. “Can I Play With Madness“, “The Clairvoyant“ und “The Evil That Men Do“ machen einem in ihren mitreißenden Live-Versionen noch einmal bewusst, mit wie vielen Evergreens das siebte Maiden-Album eigentlich aufwartet, und dass mit “Wasted Years“ auch ein Song von dem von Fans geliebten und von der Band verschmähten “Somewhere In Time“ den Weg in die Setlist findet, sorgt ebenfalls für Freude unter den Anhängern.
Die “The Number Of The Beast“-Nummern “Run To The Hills“ und (natürlich) “The Number Of The Beast“ wirken in diesem Kontext trotz ihrer Überpräsenz keineswegs störend, sondern gehören einfach hinein in dieses grandiose Hitfeuerwerk, das Fehlen des vielleicht besten Maiden-Songs “Hallowed Be Thy Name“ gleicht man durch die wieder in die Setlist gerutschte, naja, Überraschung “The Prisoner“ aus. Das Debütalbum wird mit “Phantom Of The Opera“ berücksichtigt, jenem frühen Song aus dem Band-Katalog, der zum ersten Mal all die vor allem instrumentalen Elemente enthielt, die die Band nur etwas später zur Legende werden ließen. “Two Minutes To Midnight“ und “Aces High“ decken die “Powerslave“-Phase ab. und zu “The Trooper“ gibt es ohnehin nichts mehr zu sagen. Der Sound ist im Gegensatz zum Konzert in Frankfurt (und laut Augenzeugen auch anderen Locations) vollkommen optimal und glasklar. IRON MAIDEN in Oberhausen 2013 war, und lassen wir dies mal als Schlusssatz stehen, eine vollkommen Runde Sache. Das sieht sicherlich auch Holger so, für den sich da womöglich ein Kreis schließt. Die Band hat noch ein weiteres Album angekündigt, die Hoffnung auf ein paar letzte Chancen die Band live zu sehen bleibt also, die auf einen Tag wie den 6.7., mit dieser Setlist, dieser Spielfreude und diesem Wetter, ist verschwindend gering.
Ach ja, Vorbands gab es auch noch: Die Schweden GHOST mit ihrem okkulten, 70erlastigen Rock waren aus Autorensicht durchaus ansprechend, schafften es aber nicht, das Publikum zu überzeugen, SABATON kamen mit ihrem epischen, kriegslüsternen Schlagermetal besser an, haben für mich aber die Grenze des Erträglichen ein wenig überschritten, zumal der Sound alles Andere als optimal war. Tatsache ist aber auch: Egal, wen man im Vorfeld auf die Bühne geschickt hätte, gegen IRON MAIDEN hätten an diesem Tag alle ziemlich alt ausgesehen.



Text © by Sebastian Berning